laatste zinnen (22)

door johan_velter

sfcdt_boom_21

»So ist es durchaus denkbar, dass dabei neuartige Landkarten, gewissermaβen Metalandkarten entstehen, die nicht mehr Zielzustände als Berge auszeichnen, sondern nur noch Bewegungsweisen : Das Surfen auf den Wellenkämmen wird dann zur Lebensaufgabe und zur Herausforderung – wo immer ein gangbarer >Berg< in der Nähe entstehen mag, lohnt es sich hinzusegeln ; es schadet dabei nichts, wenn wir den nächsten Schritt nicht im Voraus wissen. So beschreiben postmoderne Philosophen, Soziologen und Psychologen den erfolgreichen und glücklichen spätmodernen Spieler, Wellenreiter oder Surfer, und ich habe gegen ihn gar nichts einzuwenden – auβer dass er die moralische Landkarte der Moderne dafür preisgeben muss, denn mit unseren alten Autonomie- und Authentizitätsbergen ist ein solches Leben nicht mehr vereinbar. Vor allem aber scheint mir die Frage interessant, ob der ständig >absturzgefährdete< Surfer nicht dazu tendieren wird, sich als existentiell geworfen zu erfahren, weil die tragende Welt unter ihm jederzeit wegbrechen kann : Es hängt stets von seinem Glück, dem unberechenbaren Wind, seiner Wachsamkeit und seinen Fähigkeiten ab, ob er stehen bleibt oder untergeht ; Wasser ist als tragendes ein sehr trügerisches Element. Diese Friktionslinien zu untersuchen scheint mir ein letztes interessantes Forschungsprojekt, das vorzuschlagen ich mir an dieser Stelle erlauben möchte. Seine Durchführung aber muss einer ausgearbeiteten und systematischen Soziologie der Weltbeziehung vorbehalten bleiben, zu der dieser Beitrag und dieses Buch insgesamt nur als bescheidene Prolegomena firmieren wollen.«

Hartmut Rosa, Weltbeziehungen im Zeitalter der Beschleunigung : Umrisse einer neuen Gesellschaftskritik, Suhrkamp, 2012

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